Volkssternwarte Rothwesten: Geschichte

Die Geschichte der Volkssternwarte Rothwesten

Die Volkssternwarte Rothwesten blickt nun bereits auf eine 35-jährige Geschichte zurück. Georg Spitzer, der Erbauer der Sternwarte, hatte bereits in den 50er Jahren den Gedanken, eine astronomische Bildungsinstitution zu gründen, die es jedermann ermöglichen sollte, sich fernab von materiellen Belangen mit naturwissenschaftlichem Gedankengut zu befassen. Die Führungen auf der Volkssternwarte Rothwesten waren daher schon seit ihrer Einweihung im Herbst 1963 kostenlos. Natürlich können kostenlose Führungen nur durch ehrenamtliche Arbeit erreicht werden. Georg Spitzer ging uns dabei 26 Jahre lang mit gutem Beispiel voraus. Sein Engagement war unermüdlich in all den Jahren seiner Tätigkeit. Im Jahre 1989 starb er nach kurzer, schwerer Krankheit. Seitdem wird die Volkssternwarte in Teamarbeit betrieben. Das Sternwartenteam besteht aus einer Gruppe von alten Freunden und Bekannten Georg Spitzers, Familienmitgliedern sowie neu hinzugekommenen Astronomieliebhabern und -liebhaberinnen --- Amateuren und Profis. Nach nun fast zehn Jahren erfüllt es uns mit Stolz, die Sternwarte nicht nur in ihrer alten Form zu erhalten, sondern sie auch konsequent den Anforderungen der neuen Zeit anzupassen. Sicher wäre auch Georg Spitzer von den Entwicklungen der letzten Jahre und unserem Eifer sehr angetan. Doch zunächst zurück zu den Anfängen.

Georg Spitzer wurde im Jahre 1925 in Bad Charlottenbrunn (Niederschlesien) geboren. Nach den Jahren des Internats und des Gymnasiums wurde er als 17-jähriger von der Schulbank in den Krieg geschickt. Das Abitur konnte er nie nachholen. Im Krieg wurde er durch einen Fliegerangriff bei Schlüchtern verwundet, so daß er das Kriegsende im Lazarett erlebte, von wo aus er in amerikanische Gefangenschaft kam. Nach den Kriegswirren arbeitete er als Feuerwehrmann und Dolmetscher bei den amerikanischen Besatzungstruppen, die bis in die 70er Jahre in Rothwesten stationiert waren. Später fand er eine Stelle, zunächst als Hilfsarbeiter, dann als kaufmännischer Angestellter bei der Kasseler Niederlassung eines großen deutschen Elektrokonzerns. In dieser Zeit, die jeglicher befriedigender beruflicher Zukunft beraubt war, kam, nachdem der Kampf ums reine Überleben gemäßigter wurde, mit der zurückgekehrten Muße für einen kreativen Geist die Stunde, nach Höherem zu streben. Der Sternenhimmel, der zu den wenigen Dingen gehörte, die man sich in dieser Zeit leisten konnte, ließ alte Faszinationen wieder neu aufkeimen. So betrieb er anfangs die Astronomie privat und als Autodidakt. Ein Astronomiebuch und später auch ein kleines, ausziehbares Fernrohr der Kasseler Firma Hertel und Reuss waren erschwinglich. Der Grundstein war gelegt, die Idee, das erworbene Wissen weiterzugeben, war geboren. Dies konnte nur über eine öffentliche Institution, sozusagen eine Volkssternwarte, geschehen. Die Gemeinde Simmershausen stellte eine kleine Parzelle Land zur Verfügung, die Stadt Kassel 5000 Backsteine bombengeschädigter Häuser, der Kreisausschuß des Kreises Kassel vergab eine Zuwendung in Höhe von DM 680,- für den Erwerb der Fernrohroptik. Die Konstruktion der Kuppel entstand langsam, zuerst im Kopf, dann auf dem Papier. Ein Betonsockel zur Montierung des Achsensystems wurde gegossen. Diesen Sockel kann man noch heute am Wegesrand neben dem Simmershäuser Weidenberg-Stadion entdecken. Viele werden sich später über Sinn und Herkunft dieses ungewöhnlichen Betongebildes gewundert haben, erfüllt er doch augenscheinlich keinen erkennbaren Zweck. Für uns ist er fast zum Denkmal geworden.

Der Bau des Newtonschen 21cm-Spiegelteleskops wurde in der Kellerwerkstatt seines damaligen Hauswirtes Johann Stangl ausgeführt, die erste Erprobung fand im Hof des Hauses statt (Abb. 1).


Abb. 1: Ende der 50er Jahre: Test des Achsen-
systems und des selbstgebauten 21cm-Spiegelteleskops
im Hof des damaligen Hauswirts Johann Stangl.
Man beachte die ungewöhnlichen
astronomischen Hilfsmittel.

Nach der Fertigstellung konnten erste Beobachtungsabende im zwei Kilometer entfernten Sternwarten-Provisorium durchgeführt werden.


Abb. 2: Die erste Spitzersche Sternwarte in Simmershausen um 1960.
Im Hintergrund der Häuschensberg noch ohne Turm.

Dafür wurde jedesmal das Teleskop auf einem alten Handwagen samt Kindern - Georg Spitzer war inzwischen mit Friedel Spitzer, geborene Bickhardt, aus Simmershausen verheiratet - den Weg vom Wohnort Rothwesten nach Simmershausen und zurück gezogen. Die Abb. 2 und 3 geben einen kleinen Eindruck von der ersten Spitzerschen Sternwarte in Simmershausen wieder. Abb. 4 zeigt den Transport des Fernrohres.


Abb. 3: Georg Spitzer in der Simmershäuser Sternwarte,
die sich in der Nähe des heutigen Weidenberg-Stadions
befand. Die Holztreppe kommt bei unseren Führungen
noch heute zum Einsatz.


Abb. 4: Transport des Fernrohrs vom Wohn- zum Beobachtungsort
in Simmershausen (ca. 1960).

Der damalige Bürgermeister Rothwestens, Fritz Kranke, brachte die Idee ins Spiel, die gesamte Sternwarte nach Rothwesten zu verlegen, und zwar auf einen Turm auf dem Häuschensberg, der eigens dafür von der Gemeinde Rothwesten gebaut werden sollte. Bis zum Jahre 1912 hatte an dieser Stelle bereits ein Aussichtsturm gestanden, der dann plötzlich zusammenbrach und nicht wieder aufgebaut worden war. 1959 begann der Bau des neuen Aussichtsturms, auf dessen Spitze die Sternwarte Platz finden sollte (Abb. 5). Der Bautrupp der Firma Gerdum und Breuer wurde von Walter Opitz (Rothwesten) geführt, die Baupläne für den Turm von Architekt Birkenfeld (Vellmar) erstellt.


Abb. 5: Turm im Rohbau gegen 1962. Im Vordergrund ein Teil der
alten Domäne in Rothwesten.

Etwas später wurde ein weiterer Zuschuß von DM 450,- zur Anschaffung des Kuppelholzes bewilligt. Zusammen mit dem Schreiner Gerhard Kiehl (Simmershausen) konnten die großen Kreissegmente der Kuppel in der Schreinerei Buch in Simmershausen zugeschnitten und zusammengesetzt werden. Jedes einzelne Wandungsbrett wurde von Georg Spitzer mit der Handsäge maßgeschneidert. Das Achsensystem, welches das Fernrohr tragen und eine Ausrichtung auf jede Position des Himmels ermöglichen sollte, mußte konzipiert und gebaut werden, und zwar ohne einen Pfennig. Heute ist dies sicherlich undenkbar. Damals ging allerdings auch nichts ohne die Hilfe von Arbeitskollegen und einigen Industriebetrieben, die unentgeltlich Material und Arbeitskraft zur Verfügung stellten. DM 2000,- konnten noch vom Etat des Turms für eine stabile Kupferverkleidung der Kuppel freigemacht werden. Es mußte wohlweislich, wenn auch nicht für die Ewigkeit, doch wenigsten für lange Zeiträume in der Größenordnung von Generationen, vorausgeplant werden. Solidität war höchstes Gebot.


Abb. 6: Beginn des Kuppelbaus Anfang der 60er Jahre unter einem Mann-
schaftszelt der Amerikaner auf einer Wiese am Fuße des Häuschensberges.

Die Kuppel formte sich und brachte das anfangs kantige Mannschaftszelt, das die Amerikaner zur Verfügung gestellt hatten, langsam in eine halbkugelförmige Gestalt (Abb. 6 und 7). Der Kuppelbau wurde auf einer Wiese am Fuß des Häuschensbergs ausgeführt. 1962 waren die Bauarbeiten am Turm beendet. Die fertige Kuppel mußte nun "nur noch" auf den Turm gehievt werden, was sich schwieriger gestaltete als jemals geahnt wurde. Denn die ursprüngliche Planung, die komplette Kuppel mit einem Hubschrauber der Amerikaner auf den Turm zu setzen, wurde durch die Kuba-Krise zerschlagen.


Abb. 7: Die fast fertige Kuppel 1962.

So blieb nichts anderes übrig, als die Kuppel wieder in zwei Hälften zu zerlegen. Die Rothwestener Landwirte Peter Stach und Heinrich Kramer erklärten sich bereit, die beiden Kuppelhälften mit Trecker und Pritschenwagen den Berg hinauf bis an den Fuß des Turms zu ziehen. Wer das Gelände kennt, weiß, welch schwieriges Unterfangen dies darstellte. Von dort aus wurden die Kuppelhälften per Seilwinde außen am Baugerüst emporgezogen (Abb. 8) und auf den vorher montierten Laufkranz gesetzt.


Abb. 8: Eine Kuppelhälfte wird mit der Seilwinde außen
am Baugerüst hochgezogen (1963).

Alles gelang, alles paßte, alles funktionierte wie geplant. Georg Spitzer schrieb einmal: "Es war ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit: Hoch über Rothwesten strahlte die Sternwartenkuppel in kupfergoldenem Lichte in der Sonne." Dieses Gefühl, nach 10-jähriger Arbeit am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein, ist sicherlich gut nachvollziehbar. Am 15. September 1963 wurde die Sternwarte mit einem Festakt eingeweiht (Abb. 9). Bis dahin hatte sie die öffentliche Hand DM 1130,- DM für Holz und Optik und DM 2000,- für die Kupferblechhaut gekostet, eine wahrlich geringe Summe für ein voll ausgestattetes Observatorium mit einem Kuppeldurchmesser von 5 Metern.

In den folgenden Jahren erfreute sich die Sternwarte wachsender Beliebtheit und wurde über die Grenzen Kassels hinaus bis ins gesamte Bundesgebiet bekannt. Jeden Freitag und Samstag wurden von Georg Spitzer bei klarem Wetter Sternwartenführungen und Beobachtungsabende angeboten, unter der Woche Sonderführungen für Schulklassen, Vereine oder Gruppen jeglicher Art. Viele waren, wie auch heute noch, vom direkten Blick durch das Teleskop hinaus ins All begeistert. Zusätzlich veranstaltete er den weiter oben bereits erwähnten halbjährigen Kursus Einführung in die Astronomie an der Kasseler Volkshochschule.


Abb. 9: Festrede Georg Spitzers zur Einweihung
der Sternwarte am 15.September 1963.

Nach 15 Jahren wurde von der Gemeinde Fuldatal ein Zuschuß in Höhe von DM 9000,- vermittelt, mit dem 1978 ein hochwertiges Refraktorobjektiv der Firma Lichtenknecker Optics, Belgien und diverse Zubehörteile wie Okularrevolver und Spektroskop gekauft werden konnten. Den Bau des Fernrohrs besorgte Georg Spitzer nach alter Manier wieder selbst. Damit waren nun Sonnenbeobachtungen möglich, und Führungen konnten auch am Tage durchgeführt werden.

1982 stellten Holger Bunge aus Rothwesten und Stefan Schröder aus Simmershausen privat und bis auf weiteres ein Newtonsches 30cm-Spiegelteleskop zur Verfügung, das auch heute noch durch seine gewaltige Lichtstärke besticht und dem Beobachter sogenannte Deep Sky-Objekte, weit entfernte Galaxien, Sternhaufen und Gaswolken, in brillanter Qualität offenbart. Holger Bunge und später Alexander Gerlach aus Espenau entlasteten Georg Spitzer bei den öffentlichen Führungen. Eine weitere Gruppe, bestehend aus Stefan Schröder, Andreas Doerr und Frank Sohl (letztere aus Kassel), beschäftigte sich mit der Astrofotografie und produzierte hochwertiges Bildmaterial.

1983 wurde das 20-jährige, 1988 das 25-jährige Jubiläum mit Vorträgen und Ausstellungen begangen. Berichte in der Presse, im Hörfunk und im Fernsehen rundeten die Öffentlichkeitsarbeit ab.

Im Jahre 1984 wurde Georg Spitzer für seine Aktivitäten und Verdienste das Bundesverdienstkreuz verliehen (Abb. 10).


Abb. 10: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes
im Jahre 1984.

Am 28. Juli 1989 verstarb er plötzlich und unerwartet an Krebs.
Es stellte sich die Frage: Wie geht es mit der Sternwarte weiter? Zum Glück fanden sich Freunde, Angehörige und Interessierte zusammen, die sein Werk fortführen wollten und darauf achteten, daß alles in der Philosophie und Tradition Georg Spitzers geschah. Die Führungen finden nach wie vor freitags und samstags bei klarem Wetter statt und sind kostenlos. Wir alle üben diese Tätigkeit ehrenamtlich aus. Unsere kleine Obolusbüchse beschert uns bescheidene Einnahmen bei den Führungen, die wir ausschließlich für Reparaturen und, sollte vielleicht einmal etwas übrig sein, für Neuanschaffungen verwenden. 1991 mußten nach 28 Jahren erste Reparaturen außen an der Kupferblechhaut ausgeführt werden. Wir konnten dabei glücklicherweise das Gerüst nutzen, das die Gemeinde Fuldatal zur Turmrenovierung aufgestellt hatte. Dank gebührt vielen Freunden und Bekannten, die uns bei den Reparaturarbeiten tatkräftig unterstützt haben. Ebenso konnte der alte Plattenspielermotor, der bis dahin die sogenannte Nachführung der Instrumente - eine Kompensation der Erddrehung - besorgt hatte, durch einen neuen, elektronisch gesteuerten Motor ersetzt werden. Aus seinem präzisen Lauf ergeben sich vor allem Vorteile für die Astrofotografie.

Glücklicherweise halten die solide Konzeption und Ausführung der Sternwarte den Aufwand für Reparaturen auch heute nach 35 Jahren noch verhältnismäßig gering, obwohl Kuppel und Instrumentarium durch die exponierte Stelle auf dem Häuschensberg allen Unbilden der Natur ausgesetzt sind. Doch der Zahn der Zeit nagt auch an der solidesten Konstruktion. 1992 mußte das Objektiv des Refraktors repariert werden, das nach 14 Jahren einige Mängel, wahrscheinlich durch die Feuchtigkeit und die extremen Temperaturschwankungen in der Kuppel, aufwies. Die Gemeinde Fuldatal übernahm die Kosten für die Reparatur. Ihr sei an dieser Stelle dafür und für die gute Zusammenarbeit in den letzten Jahren herzlich gedankt.

Die Aufenthaltsräume im Turm der Sternwarte wurden mittlerweile renoviert und ausgebaut, um die langen Beobachtungsnächte etwas angenehmer zu gestalten. Von der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Garching bei München erhielten wir einen ausgemusterten Personal Computer, auf dem wir kleinere astronomische Demonstrationsprogramme und andere Anwendungen ablaufen lassen können. Auch am Kuppelinneren und am Instrumentarium müssen diverse notwendige Arbeiten und Modernisierungen ausgeführt werden, so daß für uns keine Langeweile aufkommen kann.

Das ist die Geschichte der Volkssternwarte Rothwesten bisher. Abschließend möchten wir uns, das heutige Sternwartenteam, vorstellen:

Frau Friedel Spitzer übernimmt die Terminkoordination unter der bisherigen Telefonnummer und trägt zum Zusammenhalt unserer Gemeinschaft wesentlich bei. Leider ist es uns sicherlich nicht gelungen, all diejenigen namentlich zu erwähnen, die Anteil am Entstehen der Volkssternwarte hatten. Das ist gewiß keine böse Absicht, sondern liegt eher daran, daß die Erinnerung an die Anfänge in der zweiten Generation der Betreiber nicht mehr so detailliert ist, wie man wünschen mag. Allen namentlich und nicht namentlich genannten möchten wir an dieser Stelle unseren Dank aussprechen.

Abschließend sei bemerkt, daß uns allen unsere Tätigkeit für die Volkssternwarte Rothwesten großen Spaß macht. Der Lohn, den wir erhalten, ist nicht materieller Art. Es ist die Freude zu erleben, daß Menschen noch staunen, wenn sie mit Hilfe unserer Sternwarte einen Blick ins Universum werfen können. Es ist die Befriedigung, jemanden am selbst erworbenen Wissen teilhaben zu lassen, und es ist das gute Gefühl, das Lebenswerk Georg Spitzers durch unsere Arbeit weiterleben zu lassen. Ein Mensch stirbt erst dann wirklich, wenn niemand mehr an ihn denkt.


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Letzte Änderung: 8-Oktober-2002 von Holger Mai